Freitag, 30. Mai 2014

Wie die Trauer zu den Gefühlen kam



An einem Ort nicht weit von hier, da liegt ein Land ganz sonderbar. Von jedem unerkannt und doch immer da. Hier sind unsere Gefühle zu Hause. Von hier aus beobachten sie uns Menschen und begleiten uns für eine Weile, indem sie uns aus der Ferne ein winziges Stück ihres Zaubers schicken. Manchmal kommt es auch vor, dass sie aus Versehen zu viel von ihrem Zauber verschicken und die Menschen von ihren Gefühlen geblendet werden, oder überreagieren.
Die Gefühle sind so alt wie die Menschheit und doch sind sie in ihren Handlungen und Reaktionen so unverdorben und direkt, wie nur Kinder es sind.
Auch ihre Gestallt gleicht keines Weges der von Wesen, die schon Jahrtausende erlebt haben.
Da spielt die liebliche Freude, mit der unbekümmerten Liebe Fangen, während die Neugierde ihnen interessiert zuguckt, bis die zwei sie schließlich ins Spiel einbeziehen. Etwas weiter entfernt steht die Unsicherheit mit der Angst Hand in Hand und beobachtet das Geschehen aus der Ferne. Es ist ein wunderbarer Ort, den sich kein Mensch vor zu stellen vermag.
Aber es gibt auch Gefühle die weniger unverdorben sind.
Die Welt der Erwachsenen Gefühle ist düster und Angsteinflößend. Hier Bekämpfen sich die Gier, der Hass und die Eifersucht in einem nie enden wollenden Krieg und zerstören sich gegenseitig.
Keines der Kinder traut sich in die Nähe der Grenze zu dieser Welt und auch die Erwachsenen halten sich von der Welt der Kindlichen und reinen Gefühle, die sie nicht verstehen fern.
Jedes Gefühl lebt in der Welt, in der es seinen Platz gefunden hat.
Dass hier, zwischen diesen beiden Welten noch ein Kind lebt, haben die Gefühle schon fast vergessen. Ein Kind, das jeder fürchtet. Die Trauer.
Doch als an einem Sonntagnachmittag, lautes Geschrei und Poltern aus der kleinen Hütte, die genau auf der Grenze steht, kommt, erinnern sie sich an das Kind, dass sie einst verstießen, weil es in keine der Welten passte. Der Lärm macht sich im gesamten Land breit.
Zuerst ignorieren die anderen Gefühle die Unruhen und versuchen ihrer Arbeit nach zu gehen, als ob nichts sei. Doch es mag einfach nicht aufhören.
Aufgeregt sammeln sich die Kinder auf dem großen Platz. So einen Trubel hatten sie noch nie erlebt. "Wir müssen etwas tun.", erklärt die Freude.
"Aber was? Wir kommen an die Trauer nicht ran.", antwortet die Hoffnung und zuckt zusammen, als erneut ein Poltern das Land erschüttert.
"Doch!", ruft eine piepsige Stimme aus dem Hintergrund und alle drehen sich zu dem kleinsten der Kinder um. "Ich werde zu ihr gehen. Sie ist doch auch nur ein Gefühl. Eine von uns.", sagt der Mut entschlossen. Die Kinder sehen sich gegenseitig an. Keiner will sich dazu bereit erklären, ihn zu begleiten, dennoch haben sie ein ungutes Gefühl ihn allen gehen zu lassen.
Wenig später ist der kleine Mut doch allein auf dem Weg. Er hat sich heimlich davon geschlichen, während die anderen Gefühle anfangen wollten auszulosen, wer ihn begleitet.
Als er zu der kleinen Hütte an der Grenze zur Welt der Erwachsenen Gefühle kommt, herrscht da ein riesiges Chaos. Die Scheiben sind zerbrochen und der Mut muss aufpassen, dass er nichts von der Einrichtung an den Kopf bekommt, die in regelmäßigen Abständen aus den Fenstern fliegt. Im inneren tobt ein Kind, kaum größer als er selbst. Es schreit und weint ganz verzweifelt. Der Mut setzt sich auf einen Stein, von dem aus er das Kind zwar gut beobachten kann, aber keine Angst haben muss, von herumfliegenden Gegenständen getroffen zu werden.
Nach einer Weile merkt das Kind, dass es nicht mehr allein ist und kommt aus seiner Hütte gerannt. Es fängt furchtbar an zu schimpfen. Es rennt auf den Mut zu und droht ihm, ihn zu schlagen, wenn er nicht sofort verschwindet. Doch das kleine Gefühl steht nur da und lächelt es an. Das macht die Trauer zunächst noch wütender. Kraftlos fängt sie an auf den Mut einzuschlagen, bevor es in sich zusammen sinkt und nur noch als ein Häufchen Elend weinend vor ihm sitzt. "Keiner mag mich.", wimmert es immer wieder. "Alle flüchten vor mir." Da hört die Trauer plötzlich auf zu weinen. "Außer dir. Wer bist du?" Der Kleine lächelt stolz. "Ich, bin der Mut.", sagt er und setzt sich gerade hin, um etwas größer zu wirken. "Aber warum flüchten sie alle vor dir? Du bist doch so klein und zerbrechlich. Vor dir braucht man sich so gar nicht fürchten."
Die Trauer schaut auf den Boden und fängt an das Gras ab zu reißen, um etwas in der Hand zu haben, was sie beruhigt. "Weil ich anders bin. Unberechenbar. Weißt du ich bin nicht so eindeutig wie ihr anderen Gefühle. Ich hab von jedem von euch ein bisschen. Manchmal bin ich so traurig, dass ich nicht mehr atmen kann und dann im nächsten Moment möchte ich wieder lachen weil die Erinnerungen der Menschen die ich begleite so schön sind. Ich habe eine unglaubliche liebe in mir, die aber immer von dem Schmerz eines Verlustes begleitet wird und heute bin ich einfach nur wütend. Aber die meiste Zeit fühle einfach alles gleichzeitig. Ich muss hier allein in dieser Hütte leben, weil keiner der anderen Gefühle etwas mit mir zu tun haben will und auch die Menschen können es kaum erwarten mich wieder los zu werden, wenn ich sie Begleite. Warum hat mich keiner lieb?"
Der Mut antwortet nicht. Er sitzt einfach nur da und denkt über das nach, was die Trauer da gerade gesagt hatte. Nach einer sehr langen Zeit, steht er auf und streckt der Trauer seine Hand entgegen.
gemeinsam gehen die beiden zu den anderen Kindern, die immer noch diskutieren wer ihn begleiten soll.
Als der Mut und die Trauer sich nähern, weichen sie zurück.
"Habt keine Angst.", sagt der Mut. "Sie ist uns sehr ähnlich. Sie vereint so viele von uns in sich. Sie hat etwas von uns allen. Die Wut, die Liebe, Hoffnung, Traurigkeit, und auch den Mut immer weiter zu machen. Sie schenkt denjenigen ihren Zauber, die ihn am meisten brauchen. Denjenigen, die einen schweren Verlust erlitten haben. Das ist der schwerste Job von uns allen. Denn das sind die Menschen, denen sich sonst keiner von uns annehmen möchte. Sie gibt viel und bekommt nichts zurück. Die wenigsten Menschen nehmen sie an und lassen ihren Zauber zu und auch wir schließen sie aus. Aber warum? Weil sie anders ist? Angst, bist du nicht auch anders als die Neugier, anders als ich? Sie ist eine von uns und sollte nicht allein in einer Hütte zwischen den Welten leben müssen."
Die Kinder sind auf einmal ganz leise. Langsam nähern sie sich den beiden wieder und mustern die Trauer neugierig, wie sie so da steht. Den Kopf gesenkt und in sich zusammen gesunken, in ihren alten zerfetzten Lumpen.
Sie sieht die anderen Kinder nicht an. Erst als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürt, schaut sie auf. Es ist die Unsicherheit, die sie da festhält und sie anlächelt.

Freitag, 23. Mai 2014

Alles wird gut



„Alles wird gut.“, sagte der Mann, der auf einer Parkbank sitzt und auf den See hinaus blickt. „Alles wird gut, sagen sie…“ Seine Hand hält er fest verschlossen um den kleinen Zinnsoldaten. „Alles wird gut. Bald ist‘s vorbei…“, brabbelt er vor sich hin.
Er steht auf und läuft den Schmalen Weg entlang zum Spielplatz. „Alles wird gut. Morgen tut‘s nicht mehr weh…“
Die Kinder, die sonst mit Tim gespielt haben, winken dem Mann zu. Die kleine Lisa kommt angerannt. Der Mann geht in die Knie. Das kleine Mädchen schaut ihm tief in die Augen. Sie nimmt ihre Hände und legt sie tröstend auf seine Wangen. „Alles gut… Morgen tut nicht mehr weh…“, wiederholt der Mann.
Er steht auf und geht weiter durch den Park, zurück zum See,  da wo sie immer die Enten fütterten. Jetzt steht er da, auf der kleinen Brücke, die Enten kommen laut schnatternd angeschwommen, als sie ihn sehen. „Ganz ruhig“, sagt der Mann, „Morgen tut’s schon nicht mehr weh.“ 
Der alte Mann verlässt den Park mit schweren Schritten. Sein Weg führt ihn weiter zur Grundschule. Die Lehrerin der Klasse 3b empfängt ihn wie sie es gestern schon getan hat und die Tage davor. „Alles wird gut Frau Hoffmann… Morgen ist es so weit und es tut nicht mehr weh.“
Verloren läuft der Mann die Straße entlang. Seine Faust immer noch fest um das kleine Spielzeug geschlossen.
„Alles wird gut.“, murmelt er immer wieder vor sich hin, bis er schließlich den städtischen Friedhof erreicht. Ohne sich um zu sehen, steuert er auf das kleine Grab am Ende des dritten Ganges zu.
Als er den Namen, seines kleinen Sohnes liest, treten ihm die Tränen in die Augen. Er fällt auf die Knie und stellt den kleinen Zinnsoldaten zu der kleinen Armee, die sich mittlerweile auf dem Grad des Kindes versammelt hat. „Alles wird gut mein Junge. Wir müssen weiter leben. Morgen tut’s nicht mehr weh mein Kleiner. Du wirst sehen.“

Mittwoch, 21. Mai 2014

Ich kann dich auch mal tragen



Hey Marie, gib jetzt bitte nicht auf. Ich weiß du musst eine Menge ertragen und was sie mit dir machen ist wirklich nicht fair.
Ich sehe dein Rucksack ist bis oben hin voll und sie stopfen immer noch mehr hinein. Ich sehe auch, dass du unter der Last beinahe zusammen brichst.
Du denkst sie zu tragen ist deine Pflicht und nimmst sie wichtiger als dich selbst. Das darfst du nicht tun! Sie sind erwachsen und schaffen es auch ohne dich.
Du aber brauchst jetzt Hilfe. Ich kann es ganz deutlich spüren. Dein Leben lang hast du Rücksicht genommen. Rücksicht auf die, die immer vorgaben schwächer als du zu sein, verletzlicher und wichtiger.
Ich sehe dich jetzt hier. So verletzlich und zart. Es scheint fast so, als würdest du dein riesiges Herz vor dir her tragen. Ich kann die Narben und Wunden sehen, die sie ihm bereits zugefügt haben. Immer wenn ich dir zusehe, habe ich Angst dass es ganz zerbricht.
Aber du sorgst dich nur um sie. Stellst deine Gefühle hinten an. Du hast sie alle gut verpackt in deinem Rucksack, der dir inzwischen viel zu schwer geworden ist. Aber du ignorierst, dass du kaum noch aufrecht gehen kannst. Du machst weiter. Der nächste Rückschlag kommt und du stehst sofort wieder auf, als sei nichts passiert. Möchtest der Welt doch so gerne zeigen, wie gut du funktionierst.
Ich aber sehe,  dass du nicht nur funktionierst Marie. Ich sehe wie schwer du zu tragen hast. Ich sehe jede Träne in der Nacht und ich sehe, dass du nicht atmen kannst, weil sie dich förmlich erdrücken.
Komm her Marie. Ich nehme dich an die Hand. Ich zeige dir wie wichtig du bist und höre dir zu. Ab heute musst du deine Last nicht mehr alleine tragen. Ich nehme dir deinen Rucksack einen Augenblick ab ok?
Lass uns mal hineinsehen. Ich weiß es tut weh. Du wolltest ihn doch so gerne verschlossen halten und weiter so tun, als würde er dich nicht erdrücken. Aber das tut dir nicht gut. Das weißt du doch selbst.
Sieh einfach mal her. Das alles hier, hat in deinem Rucksack doch gar nichts zu suchen. Wir packen das jetzt einfach wieder dahin wo es hin gehört ok? Sie können es selber tragen.
Jetzt können wir sehen, was wirklich wichtig ist. Du bist wichtig Marie! Hast du das wirklich vergessen? Du bist so ein wertvoller Mensch, auch wenn du es selbst nicht glauben kannst.
Und jetzt schau noch einmal in deinen Rucksack. Er ist schon um einiges leichter, aber ich weiß er ist noch voll genug. So viel Schmerz hast du in deinem jungen Leben schon erlebt.
Aber gib nicht auf. Wir schaffen das. Ich hab hier etwas für dich, das will ich dir schenken. Eine wunderschöne Kiste, aus deinen Träumen gemacht, mit deiner Fantasie und deiner Liebe verziert. Eine so schöne Kiste habe ich selten gesehen.
Leg sie hinein deine Sorgen und Ängste. Hier sind sie gut aufbewahrt. Sie sind nicht weg, das geht nicht so einfach. Aber ich werde sie mit mir nehmen, werde sie gut für dich aufbewahren, bis du wieder stark genug bist, sie selber zu tragen.
Ich werde sie jetzt eine Weile für dich tragen, damit du wieder atmen kannst. Ich werde sie für dich tragen, damit du in der Nacht nicht mehr weinen musst, sondern einen ruhigen Schlaf finden kannst. Ich werde sie für dich tragen, damit du wieder aufrecht gehen kannst und erkennst, was du für ein wichtiger Mensch du bist.